5 Minuten mit Virginie Poulin, der neuen Geschäftsführerin von COPTIS



31/03/2022

Olivier Toublan

Immoday

5 Min

 

Zum heutigen '5 Minuten mit'-Interview begrüssen wir Virginie Poulin, der neuen Geschäftsführerin von COPTIS




'5 Minuten mit' ist eine Interviewreihe, die zu einem besseren Verständnis der Akteure der Immobilienverbriefung in der Schweiz und ihrer Aktivitäten beitragen soll.
 

Virginie Poulin, erzählen Sie uns etwas über sich selbst. Was haben Sie für eine Ausbildung? 


Ich bin in Frankreich in der Nähe von Paris aufgewachsen. Ich habe an der Ecole des Ponts et Chaussées studiert und dort einen Master im Wirtschaftsingenieurwesen erlangt. Während dieser Ausbildung habe ich ein einjähriges Logistikpraktikum bei L'Oréal gemacht, bei welchem ich festgestellt habe, dass die Entscheidungen in den Abteilungen Marketing und Finanzen getroffen werden. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, meine Fachkenntnisse um diese Finanzkompetenzen zu erweitern, und habe einen MBA absolviert. Ich habe meine Abschlussarbeit 2002 beim Unternehmen BNP Paribas geschrieben, das mir eine Stelle angeboten hat. Es haben sich mir bei BNP Paribas immer wieder neue Gelegenheiten geboten, sodass ich 17 Jahre bei diesem Konzern geblieben bin.
 

 

Bevor Sie zur Geschäftsführerin von COPTIS ernannt wurden, waren Sie Angestellte beim Kanton Wallis. Wie kommt es, dass Sie in Sitten gelandet sind, haben Sie Ihre Karriere doch bei BNP Parisbas in Paris begonnen? 


Ich habe meine Karriere tatsächlich in Paris begonnen – als Finanzanalystin in der Teppichetage. Rasch – nach zwei Jahren – wollte ich sehen, was an der Front los ist, weit weg vom Sitz, wollte direkten Kontakt zu den Kunden haben. So bin ich in Genf gelandet, wo ich zwar immer noch Analystin war, aber im Bereich des Rohstoffhandels.


Im Jahr 2019 – also nach 17 Jahren – haben Sie BNP Parisbas verlassen. Weshalb? 


Ich war im Exekutivkomitee für den Rohstoffhandel tätig und mit dem Aufbau eines Instruments für nachhaltige Finanzen betraut. Seit einigen Jahren hatte die Branche mit Schwierigkeiten zu kämpfen und es fand keine Weiterentwicklung mehr statt. Um meinen Werten treu zu bleiben, brauchte ich ein positiveres Umfeld. Ein Tapetenwechsel war angezeigt. Nachdem ich 14 Jahre in der Schweiz gearbeitet hatte, wollte ich nicht mehr wegen eines Jobs in ein anderes Land ziehen. Ich wurde von einem Genfer Strategieberatungsunternehmen angesprochen und rekrutiert, um eine Abteilung für nachhaltige Transformation für Schweizer KMU aufzubauen. Dann ist aber leider Covid dazwischengekommen. Die Kunden haben kalte Füsse bekommen.
 

War die Zeit also wieder reif für einen Wechsel? 


Ja, diesmal aber für eine tiefgreifende Veränderung, denn die Art und Weise, wie wir leben wollten, hatte diesmal Vorrang. Mit meinem Mann und meinen drei Kindern haben wir uns dafür entschieden, ins Wallis zu ziehen, in eine für unser Familienleben angenehmere Umgebung in den Bergen, da wir alle Outdoor-Sportarten betreiben. Ich habe also genau das Gegenteil von dem getan, was ich während meiner ganzen Karriere sonst immer gemacht hatte: Ich habe zuerst einen Ort gesucht, der unserer Familie gefiel und an dem wir uns niederlassen wollten, und mich erst dann nach einer Arbeit in der Nähe unseres neuen Heimes umgeschaut. Wir haben uns für das Val d’Anniviers entschieden und ich habe eine Stelle als Finanz- und Administrativleiterin der Dienststelle für Naturgefahren (DNAGE) des Kantons Wallis angetreten.

 

Das war im Frühjahr 2021, also vor kaum mehr als einem Jahr. Heute sind Sie Geschäftsführerin von COPTIS. Ist es nicht interessant, für die öffentliche Verwaltung zu arbeiten? 


Heute verändert sich die Welt in einem rasanten Tempo. Das geopolitische Gleichgewicht wird ständig infrage gestellt, das Klima gerät zunehmend aus den Fugen und das IPCC ruft in seinen Berichten nachdrücklich zum Handeln auf. Sagen wir also, dass ich das Bedürfnis hatte, mit meinem Handeln eine viel unmittelbarere Wirkung zu erzielen und meiner Persönlichkeit sowie meinen Werten so treu wie möglich zu sein. Ich brauche im Allgemeinen Flexibilität und Tempo. Ich entwickle gerne neue Lösungen, was beim Staat nicht immer einfach ist, insbesondere im Bereich der Finanzen und der Administration, wo alles starr geregelt ist. Daher schien mir ein weiterer Wechsel angebracht. Bei COPTIS habe ich eine Führungsposition mit grösserem Spielraum, mehr Möglichkeiten, die Dinge voranzutreiben, etwas aufzubauen und zu handeln – insbesondere im ESG-Bereich, den ich sehr spannend finde.
 

Was haben ESG und COPTIS miteinander zu tun? 


COPTIS verfügt über mehrere Arbeitsgruppen, von denen sich eine auf ESG konzentriert, einen Bereich, der in den letzten Jahren für die Verwalter von Immobilienportfolios stetig an Bedeutung gewonnen hat. Hier gibt es für die Branche also echte Herausforderungen. Denn wie Sie und ich wissen, ist der Immobiliensektor heute einer der grössten CO2-Emittenten der Schweiz. Ausserdem gibt es immer wieder neue Vorschriften, die umfangreiche Investitionen in diesem Sektor zur Folge haben könnten, damit sich die Situation bessert. 
 

 

Was sind Ihre Pläne für COPTIS ganz allgemein? 

 

Diese lassen sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt in drei Hauptbereiche zusammenfassen. Erstens möchte ich den Verband konsolidieren, dessen Hauptaufgabe darin besteht, eine kohärente und nachhaltige Entwicklung der Immobilienverbriefung in der Schweiz zu unterstützen. Zweitens will ich eine Vertrauensbeziehung zu jeder Arbeitsgruppe und allen Mitgliedern aufbauen und unser Netzwerk erweitern. Dabei soll der Verband eine überschaubare Grösse behalten, damit die so wichtigen direkten Kontakte auch weiterhin möglich sind. Zu guter Letzt möchte ich angesichts all der sich abzeichnenden Veränderungen – ESG, ein Bereich, über den wir bereits gesprochen haben, aber auch die neuen Formen der Finanzierung und Immobilieninnovation – eine Zukunftsstrategie für den Sektor auf den Weg bringen.
 

Da haben Sie sich viel vorgenommen ... 


Sicherlich, aber es steht auch sehr viel auf dem Spiel. Glücklicherweise bin ich nicht allein: Im Verband gibt es eine gute Dynamik; die Arbeitsgruppen verfügen über hervorragende Kompetenzen, Vorschläge zu machen, und unsere Mitglieder bringen unglaubliches Know-how mit. Ausserdem werde ich vom gesamten Führungsteam unterstützt – gute, wohlwollende Menschen, die mich einerseits beaufsichtigen, andererseits aber auch meine Partner sind.
 

Kommen wir noch einmal auf Sie als Person zu sprechen. Was sind Ihre wichtigsten Charaktereigenschaften? 


Ich bin eine engagierte, gut gelaunte und begeisterungsfähige Person, die selten halbe Sachen macht. Vor allem bin ich sehr gut organisiert, was unerlässlich ist, um Beruf, Sport, ehrenamtliche Tätigkeiten, aber auch die Familie – ich sorge dafür, dass sich jedes Familienmitglied voll entfalten kann – unter einen Hut zu bringen. Das ist echte Teamarbeit mit meinem Partner. Nur dank effizienter und koordinierter Organisation ist dies möglich.
 

Sie haben von Ihren Hobbys gesprochen. Welche wären das? 


Seit jeher Bergsteigen, Klettern und Skitouren; diesen Hobbys fröne ich im Wallis. Doch ich bin auch begeisterte Seglerin. Und nicht zu vergessen Volleyball, denn ich spiele in der 2. Liga von Siders. 
 

Sie sind wirklich sehr aktiv! 


Mir gefällt es, verschiedene Dinge zu tun, und so helfe ich auch ehrenamtlich einigen Vereinen wie Project Canopy, einer NGO, die sich den Schutz des Waldes im Kongobecken und seiner Artenvielfalt auf ihre Fahne geschrieben hat, oder der Gruppe Sciences ParisTech au Féminin, welche die gegenseitige Unterstützung und die Entwicklung von Ingenieurinnen fördert. 
 

Noch eine letzte Frage: Was würden Sie ändern, wenn Sie einen Zauberstab hätten und die Zeit zurückdrehen könnten? 


Ich gehe davon aus, dass ich – wenn ich etwas an meinem Leben ändern möchte – nicht davon zu träumen brauche, sondern es tatsächlich auch tun kann. Ich muss nur die Verantwortung dafür übernehmen. Das war übrigens auch der Fall, als wir beschlossen haben, unser Leben neu auszurichten und mit der ganzen Familie ins Val d'Anniviers zu ziehen: eine gewagte, aber realistische Entscheidung, die wir in die Tat umgesetzt haben. 
 

Olivier Toublan für Immoday